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Gibt es in Deutschland Giftpflanzen?
Praxistipps

Gibt es in Deutschland wilde Giftpflanzen?

Gibt es in Deutschland Giftpflanzen?

Gibt es in Deutschland Giftpflanzen? Diese Frage lässt sich sehr schnell beantworten, und zwar mit einem eindeutigen „Ja“. Ist der Respekt bei Pilzen relativ ausgeprägt, lernen wir immer wieder Menschen kennen, die unbekannte Pflanzen probieren. Nicht wenige Menschen glauben, dass es in Deutschland keine ernst zu nehmenden Giftpflanzen gibt, so werden diese eher in exotische Gefilde verortet. Dieser Irrglaube, sowie einige kursierende Mythen um Giftpflanzen sind bei uns jährlich für hunderte, teils tödlich endende Vergiftungsunfälle verantwortlich. Zeit, hier mal gründlich aufzuräumen.

Was sind Giftpflanzen?

Bevor wir beginnen, wollen wir Giftpflanzen erst einmal definieren. Überhaupt ist der Begriff „Gift“ mit vielen Unsicherheiten verbunden. Duden bezeichnet ein Gift als „in der Natur vorkommender oder künstlich hergestellter Stoff, der nach Eindringen in den Organismus eines Lebewesens eine schädliche, zerstörende, tödliche Wirkung hat (wenn er in einer bestimmten Menge, unter bestimmten Bedingungen einwirkt)“.

Der letzte Teil in Klammern ist hier besonders wichtig, denn spätestens seit Paracelsus wissen wir „Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist“.

Maiglöckchen ist einerseits Giftpflanze, andererseits Heilpflanze

Das bedeutet also, dass nicht nur der Giftstoff an sich entscheidend ist, sondern auch die Dosis. Giftpflanzen sind nämlich sehr oft – richtig dosiert – wirksame Heilpflanzen, andere Stoffe sind in moderaten Mengen für uns gesund, im Übermaß aber sehr schädlich. Man kann sich ebenso mit Vitamin C vergiften, wie man mit der richtigen Menge des giftigen Maiglöckchens Herzleiden behandeln kann. Somit kann also alles und nichts ein Gift sein.

Wenn also vor allem die Dosis über die „Giftigkeit“ entscheidet, warum sprechen wir dann überhaupt von Giftpflanzen? Wir bei Waldsamkeit verwenden die Bezeichnung Giftpflanzen für diejenigen Arten, die bereits in geringen Mengen schädlich wirken können, oder bei denen die Dosierung außerordentlich schwierig ist. Um die richtige Dosierung zu erreichen, sind Labore samt Fachpersonal notwendig, für uns ist das nicht gefahrlos umzusetzen. Deshalb sind Giftpflanzen für uns absolut tabu. Leider ist die Sache doch noch etwas komplizierter. Es wäre nämlich zu einfach, Pflanzen nur in giftig und ungiftig zu unterscheiden. Die Natur lässt sich einfach nicht gerne in Schubladen stecken.

Die 5 Kategorien der Verwendbarkeit

Wir haben eigene Kategorien entwickelt, welche eine Einteilung und die Verwendung mit Pflanzen erleichtern sollen. Wir nennen das die 5 Kategorien der Verwendbarkeit. Natürlich sollte immer Alter und Gesundheitszustand berücksichtigt werden.

Welches sind die giftigsten Pflanzen Deutschlands?

Die Vielfalt an Zuchtpflanzen in Deutschland ist enorm und unter ihnen gibt es ein paar extrem giftige Arten. In diesem Artikel wollen wir uns jedoch nur mit den wild wachsenden Pflanzen beschäftigen (samt Neophyten). Zudem haben wir nur die TOP 15 der als stark giftig eingestuften Arten und Gattungen aufgelistet, daneben gibt es noch viele weitere giftige bis stark giftige Arten.

Eisenhut Arten (Aconitum sp.)

Die Eisenhutarten gehören zu den giftigsten Pflanzen Mitteleuropas und kommen vornehmlich in höheren Lagen vor. Die heimischen Arten dieser Hahnenfußgewächse sind geschützt. Er wurde früher benutzt, um Wölfe, aber auch den einen oder anderen Menschen um die Ecke zu bringen.

Hundspetersilie (Aethusa cynapium)

Diese stark giftige Art gehört wie die beiden folgenden zur Familie der Doldenblütler. Diese Arten sind der Grund, warum Einsteiger*innen besser die Finger von dieser Familie lassen sollte.

Wasserschierling (Cicuta virosa)

Wie der Name schon sagt, kommt diese Pflanze an Gewässerufern vor. Das gefährliche: die hochtoxische Knolle riecht und schmeckt sehr angenehm. In Preußen wurde die Pflanze von den Behörden zur Ausrottung freigegeben.

Gefleckter Schierling (Conium maculatum)     

Dieser Doldenblütler ist extrem giftig und kommt bei uns gar nicht so selten vor, zum Teil bildet er riesige Bestände. Er wird des öfteren für den essbaren Wiesen-Kerbel gehalten. Aufpassen!

Gibt es in Deutschland Giftpflanzen?

Tollkirsche (Atropa belladonna)

Mithilfe der giftigen  „Belladonna“ haben früher manche Frauen der gehobenen Klasse versucht, ihre Attraktivität zu erhöhen. Ein Auszug in die Augen geträufelt, hat zur Erweiterung der Pupillen geführt und die Augen wirkten größer. Die Früchte schmecken recht süß.

Herbstzeitlose (Colchicum autumnale)

Diese, sowie die folgende Art sind für viele Vergiftungsunfälle verantwortlich, da sie zum Teil mit dem beliebten Bärlauch verwechselt werden. Sie wächst häufig auf feuchten, nährstoffreichen Wiesen.

Maiglöckchen (Convallaria majalis)

Verwechslungspartnerin des Bärlauches. Es ist ungewiss, wie viele Gläser Maiglöckchenpesto in den deutschen Schränken stehen. Unbedingt auf die Bestimmungsmerkmale von Bärlauch achten!

Echter Seidelbast (Daphne mezereum)              

Hauptsächlich in Mittel und Süddeutschland verbreitet, wird er manchmal für Lorbeer gehalten, was fatale Folgen haben kann. Die Blüten riechen sehr gut, was dazu führt, dass Kinder sie manchmal probieren.

Stechapfel (Datura stramonium)           

Die aus Mexiko stammende Pflanze wurde zum Teil für „Hexensalben“ verwendet. Heute wird sie in manchen Kreisen als Rauschdroge verwendet, was aufgrund der Toxizität und der Schwierigkeit der Dosierung gravierende Folgen haben kann.

Fingerhut Arten (Digitalis sp.)

Wird im Frühling, wenn nur die Rosette zu sehen ist, manchmal mit verwendbaren Arten wie Königskerze oder Nachtkerze verwechselt. Ungut: denn Fingerhut ist extrem giftig. Andererseits muss man ihn nicht gleich aus dem Garten verbannen, viele Wildbienen lieben ihn.

Nieswurz Arten (Helleborus sp.)

Zu den Nieswurzarten gehört auch die Christrose, welche gerne als Trockengesteck in der Wohnung verwendet wird. Um das Niesen zu provozieren hat man sie früher zum Teil gemahlen in den Schnupftabak getan. Die Arten dieser Gattung sind in allen Teilen stark giftig.

Bilsenkraut Arten (Hyoscyamus sp.)

Die giftigen und halluzinogen wirkenden Bilsenkräuter wurden früher vermutlich dem Bier beigegeben. Unter Etymologen umstritten ist, ob das Wort „Pils“ von diesen Pflanzen herrührt, oder von der Stadt Pilsen.

Stechpalmen Arten (Ilex spp.)

In England ein beliebtes Weihnachtsgesteck, symbolisiert diese immergrüne Pflanze das leben. Diese Pflanze ist, oral eingenommen, Stark giftig. Als Gesteck kann man ihn weiterhin verwenden.

Einbeere (Paris quadrifolia)

Eine sehr interessant aussehende Pflanze, die an ihrem oberen Ende eine einzelne dunkle Beere bildet. Diese sieht recht lecker aus, ist aber recht giftig, auch wenn das Ausmaß bis heute umstritten ist.

Robinien (Robinia spp. )

Diese aus Nordamerika stammenden Bäume haben sich in den letzten Jahrzehnten in Mitteleuropa stark breit gemacht und sind in allen Teilen giftig. Besonders giftig sind die Blätter und Rinde für Weidevieh.

Gefährliche Irrglauben

Jedes Jahr kommt es in Deutschland durch das Einnehmen von Wild- und Gartenpflanzen zu Vergiftungen. So gab es zum  zwischen 1997 und 2013 ca. 700 gemeldeten, leichte Vergiftungen pro Jahr. Rund um das Thema Giftpflanzen gibt es einige gefährliche Mythen, die wir in diesem Teil auflösen wollen.

Mythos 1 – „Pflanzen zeigen uns, wofür sie gut sind oder warnen uns“

Bereits im Altertum glaubte man, dass Pflanzen uns anzeigen, gegen welches Leiden sie wirken. Später, Im Mittelalter, war die katholische Kirche eine große Befürworterin dieser Theorie, schließlich rückte sie den Menschen in den Mittelpunkt des Universums. Die Signaturenlehre schloss vom Aussehen auf die Verwendung durch den Menschen. So galten Bohnen als hilfreich bei Nierenleiden, weil die Form an Nieren erinnert. Doch wir sind nicht das Zentrum des Universums, sondern nur eine Tierart von vielen. Maiglöckchenbeeren sind nicht rot, um uns zu warnen, sondern um den Tieren zu gefallen, die für die Verbreitung in diesem Fall viel wichtiger sind als wir: Vögel. Überhaupt spielen wir bei der bisherigen Evolution von Wildpflanzen keine Rolle und überschätzen unsere Wichtigkeit mal wieder.

Mythos 3 – „Geschmack oder Geruch sind gute Unterscheidungsmerkmale“

Die meisten Tiere erkennen Giftpflanzen im frischen Zustand, also müssten wir das doch auch noch drauf haben oder? Leider Nein. Tollkirschenfrüchte schmecken süß, sind für uns jedoch super giftig und auch der hochtoxische Schierling soll zu Beginn leicht süßlich schmecken. Ein weiteres Problem bei Geschmackstests: bereits geringe Mengen können schlimme Folgen haben

Was den Geruch angeht: wollen wir uns den „Verwechslungsklassiker“ Bärlauch – Maiglöckchen ansehen. natürlich riecht Bärlauch nach Knoblauch und Maiglöckchen nicht. Dennoch ist von Geruchstests hierbei abzuraten, vor allem wenn es die optische Merkmalsunterscheidung ersetzen soll. Der Grund ist einfach: der Geruch bleibt an den Fingern haften. Wenn man Bärlauch mit den Fingern zerreibt, wird alles andere, das man danach in die Hand nimmt, auch nach Bärlauch riechen. Auch das giftige Maiglöckchen.

Mythos 2 – „wir können uns bei den Tieren abschauen, was essbar ist und was nicht“

Es gibt viele Beispiele dafür, dass eine Pflanzenart für die eine Tierart eine wunderbare Nahrungsquelle darstellt, für die andere jedoch hochtoxisch ist. Vögel fressen die für uns giftigen Maiglöckchenbeeren, Ziegen können kiloweise Herbstzeitlose verdrücken, während wir nach ein paar Blättern schon umfallen, Hunde gehen nach ein paar Tafeln Zartbitterschokolade zugrunde, wir können viele hundert Tafeln im Jahr verdrücken.

Fazit

Auch wenn die meisten Arten essbar sind,  gibt es auch bei uns in Deutschland giftige und sogar ein paar hochgiftige Arten. Außerdem gibt es Pflanzen, die zwar nicht akut giftig, aber auf Dauer gesundheitsschädlich wirken können. Wir sollten also beim Sammeln die wichtigste Regel von allen immer im Hinterkopf behalten: niemals Pflanzen verwenden, von denen man nicht sicher ist, um welche es sich handelt.

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Quellen:

Larbig, Manuel: Mein Wildkräuterguide, Penguin 2021.

Herrmanns-Clausen et al., »Akzidentelle Vergiftungen mit Gartenpflanzen und Pflanzen in der freien Natur.« Bundesgesundheitsblatt, 2019.

ARD. 08 2020. https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/sendung/2008/wasservergiftung-102.htm (besucht am 1.3.2019)

Murray et al., »Colchicine.« Clinical Toxicology, 2001.

Pullella et al., »A case of fatal aconitine poisoning by Monkshood ingestion.« Journal of Forensic Sciences, 2008.