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Große Brennnessel

Die königin der Wildkräuter

Brennnesseln gehören zu den TOP 5 der Küchenwildkräuter, sie sind nicht nur super gesund und lecker, auch kommen sie besonders häufig vor und haben keine giftigen Verwechslungspartnerinnen. Wir wollen euch In diesem Artikel zeigen, wie sie sich unbeschadet sammeln und verwenden lässt. Ausserdem sollt ihr erfahren, was der Donnergott Thor mit ihr zu schaffen hat, berichten über die Wiederentdeckung der Brennnesselkleidung und woraus diese fiesen Brennhaare eigentlich bestehen. Verneigt euch vor der Königin!

Brennnessel
Kapitel 1: Merkmale

Die grünlich-gelblichen Blüten sind kugelig, wirken wie aufgereiht und sind durch ihre Winzigkeit keine auffällige Erscheinungen. Die Große Brennnessel ist Zweihäusig, das heißt es gibt (Ausnahmen bestätigen die Regel) rein männliche und rein weibliche Individuen. Hier ein paar Tipps zu Unterscheidung von männlicher und weiblicher Brennnesselblüte, welche in sog. Rispen vorkommen:

Bei der großen Brennnessel stehen die Blütenstände stärker zur Seite ab , recken sich teils nach oben und die „Kügelchen“ wirken durch den Pollen grün-gelblich. Die Blütenstände der weiblichen Pflanzen hängen stärker nach unten und wirken dichter und büscheliger. Die weiblichen Blüten sind weniger kugelig, sondern wirken durch die pinselartige Narbe eher etwas „flauschig“. Später dann bilden die weiblichen Pflanzen Samen, welche an winzige, grün bis bräunliche Plättchen erinnern

Die große Brennnessel kann bis zu 2m hoch werden und der mit Brennhaaren bewaffnete und mit der Zeit dunkel werdende Hauptstängel wird mit der Zeit immer holziger. Seht ihr mal ein Exemplar, dass sich im oberen Teil stark verzweigt, dann wurde es anscheinend während der Wachtumsphase am Haupttrieb abgeschnitten bzw. abgerissen.

Die ebenfalls mit Brennhaaren versehenen Laubblätter der großen Brennnessel wachsen gegenständig und sind eiförmig, wobei der Blattrand gesägt ist.

Kapitel 2: Botanisches

Die Familie der Brennnesseln (Urticaceaen) ist mit über 2000 Arten keine Kleine, bei uns sind jedoch nur sieben Arten heimisch. Die mit Abstand häufigste Art ist die große Brennnessel (Urtica dioica), gefolgt von der kleinen Schwester, der kleinen Brennnessel (Urica urens). Wie man diese beiden unterscheidet, erfahrt ihr im Abschnitt „Verwechslung“. Die anderen fünf Arten kommen eher lokal und insgesamt eher selten vor. Das Gute an den heimischen Arten dieser Familie: man kann sie allesamt verwenden!

Die große Brennessel ist ausdauernd (perennierend), das bedeutet, dass sie mehrmals in ihrem Leben blühen und (die weiblichen Pflanzen) Früchte bilden kann. Als Geophyt bzw. Hemikryptophyt sterben für uns sichtbare Teile wie der Stängel Ende des Jahres ab, nur Pflanzenteile unter und dicht über der Erde überleben den Winter und können im Frühling neu austreiben.

Brennesseln werden über den Wind bestäubt, sie sind also unattraktiv für Bestäuber. Wobei das nicht ganz stimmt, denn von Interesse sind sie für viele Insekten, z.B. ernähren sich viele Schmetterlingsarten im Raupenstadium von ihr.

Kapitel 3: Inhaltsstoffe & Verwendbarkeit

Brennnesseln sind die Königinnen der Wildkräuter. Brennnesseln sind nicht nur super gesund und stecken voller wertvoller Inhaltsstoffe, auch sind sie „Königinnen des Volkes“ – sie verstecken sich nicht in irgendwelchen abgelegenen Alpentälern, sondern wachsen fast überall und dann noch meist in größeren Beständen, sodass man sie immer Sammeln kann, wenn einem danach ist. Wie man in der großen Wildkräuter-Nährwerttabelle (….link) sieht, steckt die große Brennnessel voller Magnesium, Calcium Carotin und Vitamin A und C. Die Samen sind voller gesunder Öle und Vitamin E und die Laubblätter haben eine Menge Protein, was in der Pflanzenwelt ansonsten eher ungewöhnlich ist. Brennnesseln haben ziemlich viel Histamin, was bei bestimmten Formen der Schlafstörung eine Rolle spielen kann. Aus chemischer Sicht sehr interessant sind die Brennhaare: diese sehen aus wie winzige, spitze Glaskanülen. Diese bestehen aus Kieselsäure und besitzen eine Sollbruchstelle: sie brechen bei Berühung ab und stechen in die Haut, dabei wird ein ausgetüftelter Cocktail aus Säuren und Neurotransmittern injiziert, welche den intensiven und recht anhaltenden Schmerz verursachen:  Serotonin, Histamin, Acetylcholin, Ameisensäure und Natriumformiat. Schon 0.0001 Milligramm dieser Flüssigkeit reichen aus, Quaddeln und Schmerzen zu verursachen.

Bei „Verbrennungen“ mit der Brennnessel hilft übrigens kühlen.

Brennnessel in der Küche

Brennnesseln gehörten bei unseren Vorfahren zur „normalen“ Hausküche und noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde sie auf dem Land regelmäßig eingebunden. In der Nachkriegszeit und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Aufschwung geriet sie komplett in Vergessenheit und wurde nur noch als biestiges und wehrhaftes Unkraut verschrien. Das hat sich etwas geändert und die kulinarischen Möglichkeiten rücken langsam wieder in den Vordergrund. Und das zu Recht!

Brennesseln können vielseitig eingesetzt werden und können je nach Zubereitung unterschiedlichste Geschmacksnuancen entfalten. Mit Zwiebeln und etwas Hafersahne angedünstet, bekommt sie ein deutliches aber nicht unangenehmes Fischaroma, in der Quiche ähnelt sie auch mal einem kräftigen Spinat. Generell kann man die Laubblätter so verwenden, wie man auch Spinat verwenden würde. Übrigens bekommt sie durch Hitze ihre Zähne gezogen – nach dem Dünsten , Backen oder Kochen brennt sie nicht mehr. Wer sie im Salat oder als Rohkost verwenden möchte, muss etwas arbeit reinstecken und die Brennnhaare mechanisch öffnen. Das geht zum Beispiel mithilfe eines Nudelholzes oder durch starkes Walken unter Wasser. Beide Methoden funktionieren nicht immer hundertprozentig – ein wenig brennt es dann doch noch meist im Mund. Eine andere Methode ist, die Blätter etwas anzutrocknen. Die Blüten und Samen schmecken etwas nussig und sind angeröstet sehr lecker im Salat oder Müsli.

How to: Brennnesseln richtig pflücken

Die Stängel verholzen ziemlich schnell, weshalb man die essbaren Teile wie Blätter, Samen und Blüten irgendwie davon ablösen muss. Keine leichte Aufgabe! Wie jeder weiß, hat die Brennnessel da eine recht effiziente Verteidigungsstrategie. Abhilfe verschaffen zum Beispiel 2 Lagen Gummihandschuhe (Wiederverwendbar). Daneben gibt es zwei weitere Methoden:

  • Zwicken

Man greift den oberen Teil des Stängels samt der oberen drei Blattpaare von oben mit dem Beißzangengriff und zwickt diesen Abschnitt mit den Nägeln ab. Das funktioniert recht gut, ohne gestochen zu werden, leider ist diese Variante sehr zeitintensiv.

  • Hauruckmethode

Hierbei schaut man sich das Brennnesselindividuum, besser gesagt den Stängel mal genau an. Dabei fällt auf, dass die Brennhaare nicht etwa alle im 90° Winkel abstehen, sondern dass diese tendentiell eher etwas nach oben oder unten stehen. Diese Tatsache kann man ausnutzen, indem man den Stängel mit der ganzen Hand umschließt und ruckartig und schnell den Stängel entlangfährt. Zeigen die Haare nach oben, fährt man nach oben und umgekehrt. Das hat den Hintergrund, dass die Haare auf diese Weise nicht in die Haut stechen , sondern flach an den Stängel gedrückt werden. Mit etwas Übung wird man so kaum noch gestochen und kann rasch große Mengen sammeln.

Heilwirkung von Brennnessel

Vielen Wildkräutern werden diverse Heilwirkungen nachgesagt. Uns ist es wichtig zu unterscheiden, ob es sich dabei um Erfahrungswerte handelt (Volksmedizin, Teile der Naturheilkunde etc.) oder ob es dazu Studien nach anerkannten wissenschaftlichen Standards gibt. Hier sind unsere Rechercheergebnisse:

Heilwirkung von Brennnessel aus Sicht der Rationalen Phytotherapie (durch Studien belegt)

Die große Brennnessel erhält von der Kommision E, als auch von der ESCOP und der HMPC positive Zeugnisse.

Komission E und ESCOP:

Blätter: Zur unterstützenden Behandlung werden die Blätter bei rheumatischen Beschwerden, zur Durchspülungstherapie (z.B. bei Blasenentzündungen oder Harnwegsinfektionen) und zur Vorbeugung und Behandlung von Nierengriess eingesetzt. Die Wurzeln der Brennnessel werden erfolgreich bei Prostataadenom Stadium I bis II eingesetzt.

Die HMPC stuft die Brennnessel als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ein.

Heilwirkung von Brennnessel aus Sicht der Volks- / Naturheilkunde (nicht durch Studien belegt)

In der Volksmedizin nutzt man die Brennnessel zur Blutreinigung, zur Blutbildung und bei Haarausfall. Dazu soll sie gegen Unlust, Magenschmerzen, Nervenleiden und Atemnot helfen. Umso länger man recherchiert, desto mehr erhält man den Eindruck, dass sie wohl gegen alles helfen müsste. Ach , fast hätten wir es vergessen: sie soll auch bei Vergesslichkeit helfen.

Kapitel 4: Verwechslung & Gefahren

Die Brennnesseln sind durch ihre Brennhaare eigentlich unverwechselbar und gehören zu den TOP 5 der Anfänger – Wildkräuter, da sie keine giftigen Verwechslungspartner haben und sehr häufig sind.  Einsteiger verwechseln sie manchmal mit den Taubnesseln, welche eine ähnliche Blattform haben. Für Interessierte wollen wir hier zudem die Unterschiede von kleiner und großer Brennnessel vorstellen, auch wenn  alle heimischen Brennnesselarten verwendet werden können.

Taubnesseln

Taubnesseln sind nicht mit den Brennnesseln verwandt, sondern gehören als Lippenblütler in die selbe Schublade wie Rosmarin, Thymian, Minze und co. Wenn man sich die Blüten der Taubnesseln ansieht, bemerkt man schnell die Verwandtschaft. Diese Lippenförmige Blüte kann je nach Art rot, rosa, weiß oder gelb sein und ist auch das auffälligste Unterscheidungsmerkmal zur Brennessel, welche ja sehr unauffällige Blüten besitzt. Die Blätter der Taubnesseln ähneln denen der Brennnesseln dagegen schon, vermutlich handelt es sich dabei um Mimese: sie tarnen sich einfach als wehrhafte Pflanzenart. Wer sie dann berührt, merkt schnell: die tut ja gar nix! Das kann sie auch nicht, denn ihr fehlen jegliche Brennhaare, was auch zum Namen Taubnessel geführt hat. Übrigens hier eine Verwechslung hier nicht dramatisch: Taubnesseln sind ebenfalls wertvolle Küchen – Wildkräuter.

Unterschied große und kleine Brennnessel

Einsteiger halten nicht selten etwas kleinere Exemplare für die kleine Brennnessel und demenstrchend größere für die Große. So einfach ist es leider nicht. Brennnesseln gibt es das ganze Jahr über in unterschiedlichen Entwicklungsstadien, auch im August kann man noch Jungpflanzen der großen Brennnessel finden. Ihr habt in anderen Artikeln bereits gelernt, dass es in der Pflanzenwelt je nach Standort und anderen Faktoren unterschiedliche Merkmalsausprägungen gibt. Manche Individuen der großen Brennnessel haben eher kleinere Blätter, einen tiefschwarzen, harten Stängel und brennnen wie die Hölle. Andere haben große, eher weiche Blätter, einen grünen und recht weichen Stängel und brennen fast gar nicht. Will man die große und die Kleine unterscheiden, muss man sich stattdessen die Anordnung der Laubblätter anschauen:

Die Laubblätter der kleinen Brennessel stehen wie „im Kreuz“, wenn man von oben drauf schaut, die der großen nicht. Zudem wirkt der Blattrand der Kleinen Brennessel stärker „gesägt“. Aber wie gesagt, alle Brennnesselarten können verwendet werden.

Kurzcheck "die Richtige"

Alle wichtigen Erkennungsmerkmale der Brennnessel zusammengefasst

Kapitel 5: Sammelorte & Sammelzeiträume

In diesem Kapitel wollen wir uns mit der Sammelpraxis beschäftigen. Wo finde ich Brennnessel , wo kann ich sie am besten Sammeln? Und welche Jahreszeit ist die beste, um Brennnessel zu Sammeln?

Brennnesseln lieben Stickstoffreiche Böden und haben ansonsten keine großen Ansprüche. Sie kommen mit trockenem, als auch halbwegs feuchtem Boden , mit Halbschatten und Sonne gut klar. Finden kann man Sie an Waldrändern, Wegrändern, Ackerrändern, an Hecken, Gewässerufern, Ruderalfluren und auf Wiesen. Kurzum: fast überall! Sammeln kann man sie die gesamte Vegetationszeit über und nicht nur im Frühling, wie oft geglaubt.

Kapitel 6: Mythologisches & Historisches

Was wurde mit der Brennnessel früher gemacht? Was haben unsere Vorfahren mit der Brennnessel verbunden, welche Mythen ranken sich um sie? Was gibt es sonst noch interessantes über die Brennnessel zu berichten?

Brennnesseln kommen auf allen Kontinenten vor und werden wahrscheinlich schon seit der Steinzeit verwendet. Somit wurden zig Mythen, Geschichten und Aberglauben in fast allen Kulturen mit diesen Pflanzen verbunden. Übrigens wurden Brennnesseln nicht nur gegessen: bis Baumwolle und Lein bei uns Einzug hielten, war die Brennnessel die erste Wahl, wollte man Kleidung machen. Nazza ist althochdeutsch und bedeutet „Gespinstpflanze“, die Brennnessel wurde zwecks Nesselgarnherstellung in großen Feldern angebaut. So langsam erlebt Nesselstoff eine Renaissance, kann man sie doch hierzulande anbauen und ist in allen Belangen um Welten nachhaltiger als Baumwolle.

Doch zurück zu den Mythen. Die Germanen weihten diese Pflanze dem Gott Donar (Thor) , welcher neben dem herumdonnern für die Fruchtbarkeit und dem Schutz der Menschen zuständig war. Weitaus später, im Mittelalter, galt sie weiterhin als schützend, vorallem gegen fiese Dämonen. Sie war Teil der berühmten Neunkräutersuppe („Gründonnerstagssuppe“). Kreativ: Im Süden Sachsens glaubte man, dass man gegen Mundraub geschützt sei, wenn man einen Brennnesselstängel , einen Besen und einen Kieselstein in die Ecke des Getreidefeldes legt.

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Quellen:

Larbig, Manuel , Mein Wildkräuterguide. Penguin Verlag, 2021.,

Hippokrates, de morbis mulierum, undatiert.

John, Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge, 1909.

Sauerhoff, Friedhelm, Etymologisches Wörterbuch der Pflanzennamen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbh Stuttgart, 2003.

Sass, Wolfgang, »Rheumatherapie: Brennessel-Extrakt hemmt Zytokine.« Dtsch Arzteblatt, 1999.