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Spitzwegerich

Trittstark, aber sanft

Viele kennen ihn – wohin wir auch gehen, der Spitzwegerich begegnet uns buchstäblich auf all unseren Wegen. Wir Spaziergänger dienen dem Kraut dabei unwissentlich als Taxi und auch darüber hinaus nutzt es so manchen raffinierten Trick. In folgendem Artportrait erfährst du mehr über die spannende Bestäubungsökologie und warum der Spitzwegerich so unscheinbare Blüten besitzt.

Die Blütenstände der Pflanze überraschen und bieten ein Geschmackserlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Als Heilpflanze blickt der Spitzwegerich auf eine Jahrtausend alte Geschichte zurück. Erfahre, was die Schleimstoffe des Wildkrauts zu bieten haben und warum ein Tee hier ausnahmsweise nicht das Mittel der Wahl ist.

Kapitel 1: Merkmale

Die Trivialnamen der drei Wegerich-Arten beziehen sich auf ihre jeweilige Blattform. Die schmalen Blätter des Spitzwegerichs sind lanzettlich und verlaufen nach oben hin spitz zu. Sie stehen in einer kreisförmigen Anordnung (Rosette). Besonders markant sind die drei bis sieben Parallelnerven, welche längs die Blattspreite mustern und auf der Blattunterseite deutlich hervorstehen. Aus der Blattrosette entspringen mehrere aufrechte Stängel, an deren Ende je ein ährenförmiger Blütenstand sitzt. Aus den Einzelblüten der unscheinbaren, bräunlichen Ähre ragen zur Blütezeit Staubblätter mit weißen Staubbeuteln hervor. Das Ganze erinnert an einen plüschigen Bommel. Nach dem Abblühen entwickeln sich bräunliche bis rote Kapselfrüchte mit klebrigen Samen. Im Unterschied zum Breitwegerich sind die Blütenstände kürzer, häufig fast kugelförmig. Die Pflanze erreicht eine Höhe von bis zu 30 cm.

Kapitel 2: Botanisches

Der Spitzwegerich ist mehrjährig und verbringt den Winter hauptsächlich als Wurzel. Lediglich einige Überdauerungsknospen schlummern kurz oberhalb der Erdoberfläche, um im nächsten Frühjahr wieder auszutreiben und so die oberirdischen Pflanzenorgane zu regenerieren. Die abgestorbenen Blätter aus der vorangegangenen Vegetationsperiode, schützen die Knospen im Winter vor Schnee und kaltem Wind. Eine Pflanze mit dieser Form der Überdauerung bezeichnet man in der Botanik als Hemikryptophyt.

Als Bestäuber setzt der Spitzwegerich hauptsächlich auf den Wind. Zu diesem Zweck muss die Pflanze zwar größere Mengen an Pollen produzieren, spart dafür allerdings an kostspieligen Anpassungen an die bestäubenden Insekten. Die Blüten dürfen klein und engstehend sein, kommen ohne prachtvolle Kronblätter oder Nektar aus. Diese Form der Bestäubung ist unter Nadelbäumen oder Gräsern stark verbreitet, bei höheren Blütenpflanzen jedoch eher die Ausnahme. Tatsächlich hat sich hier die Windbestäubung in der Evolution mehrmals in verschiedenen Pflanzengruppen unabhängig voneinander entwickelt.

Der Spitzwegerich ist außerdem vorweiblich. Das „ladies first“ im Pflanzenreich dient dazu, die Selbstbestäubung zu verhindern. Bezogen auf ein Individuum kommen dabei die weiblichen Blütenorgane kurz vor den männlichen zur Reife, wodurch diese von den Pollen umstehender Pflanzen bestäubt werden, statt von den eigenen, genetisch identischen Staubblättern. Bei einer Selbstbefruchtung wäre die genetische Vielfalt und damit auch die Anpassungsfähigkeit von Pflanzen deutlich herabgesetzt, weshalb es verschiedene Mechanismen gibt, um dies zu verhindern.

Plantago lanceolata ist mit seiner zähen Blattrosette ein wahrer Überlebenskünstler der Wege und Pfade. Auf ihm wird herumgetrampelt und gefahren, aber der Wegerich macht das Beste aus seiner misslichen Lage. Durch Haftung an Pfoten, Schuhsohlen oder Rädern erfahren die klebrigen Samen eine effiziente Verbreitung über weite Strecken. Dieser Umstand trägt weiter zu einer Ansiedlung auf Wegen und Trampelpfaden bei.

Kapitel 3: Inhaltsstoffe & Verwendbarkeit

Der wohl wichtigste Inhaltsstoff des Spitzwegerichs sind seine Schleimstoffe. Sie sorgen für die Klebrigkeit der Früchte, sind aber auch in den Blättern enthalten. Schleimstoffe wirken in der richtigen Dosierung förderlich auf diverse Schleimhäute im Körper. Sie unterstützen die Magenschleimhaut bei Verdauungsproblemen oder verbessern den Abtransport von Erkältungsschleim. Das zusätzlich enthaltene Aucubin verleiht dem Spitzwegerich zudem eine antibiotische Wirkung, auch adstringierende Gerbstoffe sind enthalten. Zusammen stellen die Wirkstoffe eine optimale Kombination zur Behandlung von Entzündungen im Mund-Rachen-Raum und Erkältungserkrankungen dar. Da es sich bei Aucubin um ein instabiles Molekül handelt, lässt sich dessen antibakterielle Wirkung nur im frischen Saft des Krauts, nicht aber im Tee oder in gekochten Auszügen feststellen. Die häufige Verwendung von Spitzwegerich in Hustensäften ist aber auf Grund der Vitamine, Schleim- und Gerbstoffe trotz des Aucubin-Verlustes berechtigt.

Spitzwegerich in der Küche

Auch in der Küche ist der Spitzwegerich eine gesunde Ergänzung und überzeugt durch seine zahlreichen Nährstoffe, darunter Zink, Kalium und die Vitamine A, B und C. Die jungen Blätter können von April bis Juni als aromatischer Zusatz im Gemüse oder Kräuterquark genutzt werden. Geschmacklich sind die Blätter aromatisch-bitter, in größeren Mengen hingegen können die starken Längsfasern beim Kauen als unangenehm empfunden werden. Die Blütenstände des Spitzwegerichs hingegen halten eine besondere kulinarische Überraschung bereit. Beim Probieren entfaltet sich allen Erwartungen zum Trotz der unverkennbare Geschmack von Champignons auf der Zunge. Die Ähren lassen sich daher perfekt als Pilzersatz in diversen Gerichten (z.B. Risotto oder Pilzpfanne) verwenden. Dabei sollten besser nur die jungen Blütenstände verwendet werden, da mit Eintritt der Blütenreife der Geschmack und die knackige Konsistenz nachlassen.

Folgende Rezepte mit Spitzwegerich können wir dir ans Herz legen:

Heilwirkung von Spitzwegerich

Vielen Wildkräutern werden diverse Heilwirkungen nachgesagt. Uns ist es wichtig zu unterscheiden, ob es sich dabei um Erfahrungswerte handelt (Volksmedizin, Teile der Naturheilkunde etc.) oder ob es dazu Studien nach anerkannten wissenschaftlichen Standards gibt. Hier sind unsere Rechercheergebnisse:

Heilwirkung von Spitzwegerich aus Sicht der Rationalen Phytotherapie (durch Studien belegt)

Durch die ESCOP anerkannt sind zwei verschiedene Anwendungsgebiete des Spitzwegerichs:

  1. Zur innerlichen Anwendung bei Katarrhen der Luftwege, hierzu zählen also auch klassische Erkältungssymptome wie Husten
  2. Äußerlich bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut

Die Kommission E nennt zudem eine äußerliche Anwendung bei Entzündungen der Haut.

Diese Betrachtungen basieren auf Erkenntnissen einer langjährigen Anwendung an Menschen und werden durch pharmakologische Laboruntersuchungen gestützt.

Heilwirkung von Spitzwegerich aus Sicht der Volks- / Naturheilkunde (nicht durch Studien belegt)

In der Naturheilkunde kommt der Spitzwegerich auch zur Behandlung von entzündlichen Erkrankungen der Harnwege, der Magenschleimhaut oder bei Reizdarm-Beschwerden zum Einsatz.

Außerdem werden die Blätter in verschiedenen Regionen der Welt traditionell zur Behandlung etwaiger Hautprobleme wie Verbrennungen, Insektenstiche, Schwellungen oder offenen Wunden verwendet (hierzu siehe FAQ). Die indigenen Völker Nordamerikas schätzten die Blätter der Wegerich-Arten als Kompresse bei Bienenstichen und fragwürdiger Weise sogar bei Schlangenbissen. In Brasilien wurden sie zur Behandlung von Augenentzündungen eingesetzt.

Kapitel 4: Verwechslung & Gefahren

Eine Verwechslung mit giftigen Pflanzen ist beim Spitzwegerich quasi ausgeschlossen. Allein die rippenartigen Parallelnerven auf der Blattunterseite in Verbindung mit den einzigartigen Blütenständen, genügt als sicheres Indiz. Es ist höchstens möglich die Wegerich-Arten untereinander zu vertauschen, was aber auf Grund der ähnlichen Inhaltsstoffe unproblematisch ist. Im Gegensatz zum Spitzwegerich, verfügt der Breitwegerich über rundliche Blätter, die flach am Boden anliegen und nicht in die Höhe gestreckt sind. Sein Blütenstand ist deutlich länger und verzichtet auf herausragende Staubfäden. Der Mittlere Wegerich stellt optisch eine Mischung aus den beiden anderen Wegerich-Arten dar. Seine Blätter ähneln dem des Breitwegerichs, während die Blütenstände zwar etwas länger als beim Spitzwegerich sind, aber ebenfalls über die charakteristischen Staubfäden verfügen. Diese sind hier sogar stärker ausgeprägt und verfügen meist über rosafarbene Staubbeutel.

Andere Wegerich-Arten

Eine Verwechslung mit anderen Wegerich – Arten, wie dem mittleren (Plantago media) oder dem Breitwegerich (Plantago major) ist kein Problem, da man diese ebenfalls verwenden kann. Sie sind in ihrer Wirksamkeit lediglich etwas schwächer und schmecken nicht nach Champignon.

FAQ : Was steckt hinter der Verwendung von Spitzwegerich als „Naturpflaster“?

Die Verwendung der Wegerichblätter als Auflage bei Wunden, Geschwüren, Ausschlägen und anderen Hautirritationen blickt auf eine lange Geschichte zurück. Vermutlich wurden die Vorzüge dieser Pflanze bereits in der Steinzeit durch Probieren verschiedener Blätter erkannt. Diverse Kulturen machten sich später ihre antibakterielle Wirkung zunutze. Auch heute noch wird es Kindern beigebracht kleine Verletzungen beim Spielen in der Natur mit zerkauten Wegerichblätter als heilendes Pflaster zu versehen. Zwar lässt sich die antibiotische Wirkung des Aucubins nicht abstreiten, doch sind die frischen Blätter und insbesondere der Speichel keineswegs keimfrei und daher nicht ohne weiteres für offene Wunden zu gebrauchen. Bei Mückenstichen hingegen sind zerriebene Wegerichblätter eine einwandfreie Akuthilfe gegen das Jucken.

Kurzcheck "die Richtige"

Alle wichtigen Erkennungsmerkmale des Spitzwegerichs zusammengefasst.

Kapitel 5: Sammelorte & Sammelzeiträume

In diesem Kapitel wollen wir uns mit der Sammelpraxis beschäftigen. Wo finde ich Spitzwegerich , wo kann ich ihn am besten Sammeln? Und welche Jahreszeit ist die beste, um Spitzwegerich zu Sammeln?

wildkräuter am straßenrand

Der Spitzwegerich ist relativ anspruchslos. Sein Vorkommen erstreckt sich von Waldwegen, über Wiesengesellschaften bis hin zu Ruderalstandorten. Besonders häufig ist das robuste Kraut auf Trampelpfaden auf Wiesen anzutreffen. Durch seine tiefen Wurzeln gelingt es ihm auch auf kargem Boden genügend Nährstoffe zu erreichen. Die Pflanze blüht zwischen Mai und September. Die Blätter kann man von April bis in den November hinein sammeln.

Kapitel 6: Mythologisches & Historisches

Woher kommt der Name Spitzwegerich? Was haben unsere Vorfahren mit Spitzwegerich verbunden, welche Mythen ranken sich um sie? Was gibt es sonst noch interessantes über Spitzwegerich zu berichten?

Der lateinische Gattungsname Plantago deutet ebenfalls auf diese Art der Verbreitung hin und bedeutet übersetzt so viel wie „Fußsohle“. Unter den Ureinwohnern Nordamerikas waren die Pflanzen als „Fußstapfen des weißen Mannes“ bekannt. Die europäischen Siedler verhalfen dem Spitzwegerich zur explosionsartigen Ausbreitung jenseits des Atlantiks. Sie verschleppten die Samen in ihren Schuhen, wodurch ihnen das Kraut auf Schritt und Tritt zu folgen schien.

Erste Überlieferungen über die Verwendung von Spitzwegerich zu medizinischen Zwecken stammt aus assyrischen Schriften. Hier dienten die Blätter zur Auflage auf Schwellungen. Auch die antiken Griechen kannten die äußerliche Anwendung bei Verletzungen, wie die Erwähnung bei Dioskurides zeigt: „Die Blätter haben austrocknende und zusammenziehende Kraft, deshalb eignen sie sich zum Umschlag bei allen Bösen Zufällen“. Die Römer und Germanen nutzten Wegerich zu ähnlichen Zwecken. In der Volksheilkunde sprach man der Pflanze im Laufe der Zeit zudem ein absurdes Maß an anderen Wirkungen zu. Man glaubte mit dem Kraut zum Beispiel Krebs und Schwachsinn heilen zu können oder empfahl es als angemessene Behandlung von Schlangenbissen.

Heute ist klar: Der Spitzwegerich steckt voller wertvoller Inhaltsstoffe und schafft insbesondere bei entzündlichen Reizungen der Schleimhäute Abhilfe. Aus diesem Grund wurde das Wildkraut 2014 als Arzneipflanze des Jahres gekürt.

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Quellen:

Jäger, Eckehart J.. Rothmaler – Exkursionsflora von Deutschland. Gefäßpflanzen: Grundband. Deutschland, Springer Berlin Heidelberg, 2016.

Bochsch, Manfred. Das praktische Buch der Heilpflanzen. BLV Buchverlag GmbH & Co.KG, 2016.

Larbig, Manuel. Mein Wildkräuterguide. Penguin Verlag, 2021.

https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/hemikryptophyten/31269 (Zuletzt aufgerufen am 5. Oktober 21:51)

https://www.infoflora.ch/de/flora/plantago-lanceolata.html

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-402013/arzneipflanze-des-jahres-2014/