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Nachtkerze

Von Schinkenwurzeln und Schönheitspflege

Die Gemeine Nachtkerze ist ein perfektes Küchenwildkraut. Von der Wurzel bis zu den Samen kann die gesamte Pflanze verwendet werden und sobald du darauf achtest, wird sie dir ständig begegnen. Aber nicht nur kulinarisch hat die Pflanze einiges zu bieten, auch in der Naturheilkunde, der Kosmetik und sogar unter Fledermäusen erfreut sie sich großer Beliebtheit.

Erfahre hier mehr über das geschätzte Nachtkerzenöl, was sich alles hinter dem Namen verbirgt und welche Überraschung die hübschen, gelben Blüten bereithalten. Wir verraten dir auch, wie du in Zukunft die Gemeine Nachtkerze sicher erkennen und sie von ihrem Namensvetter der Königskerze unterscheiden kannst.

Kapitel 1: Merkmale

Bei der Gemeinen Nachtkerze handelt es sich um eine hochgewachsene, schlanke Pflanze mit großen, gelben Blüten – ein Anblick, der mit etwas Fantasie dem einer entfachten Stabkerze ähnelt. Da diese Wuchsform jedoch auch in anderen nichtverwandten Gruppen wie den Königskerzen vorkommt, lohnt sich ein genauerer Blick.

Ein wichtiges Merkmal der Nachtkerzen ist die Anzahl der gelben Kronblätter – vier in der Zahl müssen es sein. Sowohl die geschlossenen Blütenknospen als auch die späteren Fruchtkapseln weisen eine längliche Form auf. Die Blüten (aus denen später die Fruchtkapseln hervorgehen) stehen ringsherum vom Stängel ab, wobei jede der Achsel eines Tragblattes entspringt. Die bodennahen Blätter werden zwischen 10 und 30 cm lang, aber bleiben relativ schmal. Sie bilden im ersten Jahr eine kreisrunde Anordnung (Blattrosette) und können hier eine zum Teil Rotverfärbungen aufweisen. Die kleinen, ölhaltigen Samen befinden sich zu vielen in der kapselförmigen Frucht und können ab September geerntet werden. Auch unter der Erde verbirgt sich ein schmackhafter Nährstofflieferant in Form einer kräftigen, rübenförmigen Wurzel.

Kapitel 2: Botanisches

Die eindrucksvollen Nachtkerzen stellen die namensgebende Gattung innerhalb der Familie der Nachtkerzengewächse (Onagraceae) dar. Letztere umfasst neben heimischen Vertretern der Weidenröschen (Epilobium sp.) oder Hexenkräuter (Circaea sp.) auch die hierzulande als Zierpflanzen bekannten Fuchsien (Fuchsia sp.).  Die Gemeine Nachtkerze beschreibt systematisch vielmehr eine „Sammelart“ aus mehreren eng verwandten Kleinarten, deren Unterscheidung jedoch selbst für Spezialisten eine Herausforderung darstellen kann. Dieser Umstand ist ihrer Neigung zur Hybridisierung geschuldet, also der geschlechtlichen Fortpflanzung zwischen zwei verschiedenen Arten. Dieses Thema kann allerdings getrost den Taxonomen überlassen werden.

Nachdem die auffällige, gelbblühende Pflanze im 17. Jahrhundert als Zierpflanze von Nordamerika nach Europa gelangte, ist sie heute in ganz Deutschland anzutreffen und hat sich als typische Komponente trockener Brachflächen etabliert.

Das lateinische Artepitheton „biennis“ und der deutsche Trivialname „zweijährige Nachtkerze“ beschreiben den Lebensrhythmus der Pflanze. Im ersten Jahr nach der Keimung bildet sich neben der Wurzel oberirdisch nur eine Blattrosette aus. Erst im zweiten Jahr geht die Nachkerze in die reproduktive Phase über und bildet den typischen blütenreichen Spross, der nun eine Höhe von bis zu 1,80 Metern erreichen kann. Die Blütezeit erstreckt sich von Anfang Juni bis in den September. Nach der Samenreife, also im zweiten Winter, stirbt die Pflanze ab und hinterlässt nur ihre Samen.

Auch hier gibt der Name „Nachtkerze“ bereits Aufschluss über die Ökologie der Pflanze. Als Bestäuber der Nachtkerze dienen hauptsächlich Nachtfalter – ganz genau, so nützlich können die unliebsamen Motten, Schwärmer und Spanner sein. So öffnet die Nachtkerze erst mit der Abenddämmerung die Blüten für ihre Bestäuber mit einer für das Pflanzenreich erstaunlich hohen Geschwindigkeit von wenigen Minuten. Diese abgestimmte Choreografie lässt sich wunderbar an lauen Sommerabenden beobachten. Bereits am nächsten Tag schließen sich die jeweiligen Blüten wieder und beginnt zu welken. Ein kurzer Auftritt für eine so anmutige Schöpfung. Auch für Fledermäuse ist die Gemeine Nachtkerze ein willkommener Verbündeter auf der Jagd nach nachtaktiven Insekten.

Kapitel 3: Inhaltsstoffe & Verwendbarkeit

Vielen ist die Nachkerze aus Kosmetikprodukten bekannt. Hierzu wird das Öl der Samen verwendet, welches mit einem besonders hohen Gehalt an der wertvollen Gamma-Linolensäure punktet. Es handelt sich dabei um eine mehrfach ungesättigte Fettsäure, die zwar für uns Menschen essentiell ist, aber in Pflanzen selten auftritt.

Während die Nachtkerze früher auch wegen ihrer essbaren Wurzel kultiviert wurde, dient sie heute hautsächlich der Gewinnung von Nachtkerzenöl – ein lohnenswertes Unterfangen trotz der kleinen Samen, da diese einen Ölanteil von bis zu 30% aufweisen können.

Nachtkerze in der Küche

Besonders in der Küche ist die Nachtkerze ein gern gesehener Gast, da alle Teile der Pflanze hier Verwendung finden. Aus den Blättern lässt sich ein schmackhafter Spinat zaubern, die leicht nussig schmeckenden Samen können ähnlich wie Sesam verwendet werden. Die fleischige Wurzel lässt sich entweder roh in den Salat raspeln oder zu einem schwarzwurzelähnlichen Wurzelgemüse verarbeiten. Geerntet werden sollte die Wurzel im ersten Jahr oder im Frühjahr vor der Bildung der Blütentriebe, da sie später verholzt.

Hier findest du Rezepte mit Nachtkerze:

Heilwirkung von Nachtkerze

Vielen Wildkräutern werden diverse Heilwirkungen nachgesagt. Uns ist es wichtig zu unterscheiden, ob es sich dabei um Erfahrungswerte handelt (Volksmedizin, Teile der Naturheilkunde etc.) oder ob es dazu Studien nach anerkannten wissenschaftlichen Standards gibt. Hier sind unsere Rechercheergebnisse:

Heilwirkung von Nachtkerze aus Sicht der Rationalen Phytotherapie (durch Studien belegt)

Es sind keine klinischen Studien über die Wirkung von Nachtkerzenöl bekannt. Die Gemeine Nachkerze wird als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft.

Heilwirkung von Nachtkerze aus Sicht der Volks- / Naturheilkunde (nicht durch Studien belegt)

Dem Nachtkerzenöl werden entzündungshemmende, juckreizstillende und hautgeneriende Eigenschaften zugesprochen. Naturheilkundlich wird es daher innerlich und äußerlich gegen diverse Hautleiden eingesetzt. Hierzu zählen die Behandlung von Hautekzemen, trockener Haut, Schuppenflechte und Neurodermitis. Auch die Kosmetik verspricht eine hautverbessernde Wirkung.

Das europäische Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) empfiehlt eine Anwendung zur symptomatischen Erleichterung von Juckreiz als begleitende Maßnahme beispielsweise bei Neurodermitis. Diese Einschätzung basiert auf der langjährigen naturheilkundlichen Anwendung und ist nicht durch Studien belegt.

In der Volksheilkunde wurde das Öl auch innerlich bei Magen-Darm-Beschwerden, Asthma oder Keuchhusten angewendet.

Kapitel 4: Verwechslung & Gefahren

Nachtkerzen werden von Einsteiger*innen häufig mit den Königskerzen verwechselt. Nur in großen Mengen können diese aufgrund der enthaltenen Saponine schädlich wirken. Gefährlich wäre hingegen bereits in geringen Mengen eine Verwechslung mit dem stark giftigen Fingerhut, dessen Blätter zu beginn Ähnlichkeiten mit der Nachtkerze aufweisen.

Königskerzen – Arten (Verbascum sp.)

Wie bereits oben angesprochen, kann es bei den Nachtkerzen auf Grund der ähnlichen Statur und Blütenfärbung zur Verwechslung mit Vertretern der Königskerzen kommen. Auch Königskerzen werden in der Naturheilkunde eingesetzt. Ihr vergleichsweise hoher Gehalt an Saponinen wirkt bei Erkältungen hustenlösend und reizlindernd, in größeren Mengen sollte jedoch vom Verzehr abgesehen werden. Daher sollte beim Sammeln auf die Anzahl der Blütenblätter geachtet werden: Bei den Nachtkerzen sind es vier, bei den Königskerzen fünf. Außerdem verfügen die Nachtkerzen über längliche Blütenknospen und Fruchtkapseln, während beide bei den Königskerzen kugelig-rund geformt sind.

Fingerhut – Arten (Digitalis sp.)

Alle Pflanzenteile des Fingerhuts sind für den Menschen hochgiftig und sollten nicht verzehrt werden. Die Blüten der beiden Pflanzen unterscheiden sich stark voneinander, weshalb die Verwechslungsgefahr nur beim Sammeln vor der Blütenbildung besteht. Beide Pflanzen bilden eine üppige Blattrosette am Boden aus. Die kahlen Rosettenblätter der Gemeinen Nachtkerze sind länglich und weisen einen auffälligen, meist leicht rötlich gefärbten Mittelnerv auf. Die grundständigen Fingerhutblätter sind hingegen behaart, rundlicher und mit längeren Stielen versehen. Glücklicherweise sollten die beiden Arten nicht allzu häufig nebeneinander anzutreffen sein, da der Fingerhut im Gegensatz zur Nachtkerze eher nährstoffreiche, feuchtere und leicht saure Standorte bevorzugt und so vornehmlich an Waldwegen oder -lichtungen vorkommt.

Kurzcheck "die Richtige"

Alle wichtigen Erkennungsmerkmale der Nachtkerze zusammengefasst.

Kapitel 5: Sammelorte & Sammelzeiträume

In diesem Kapitel wollen wir uns mit der Sammelpraxis beschäftigen. Wo finde ich Nachtkerze , wo kann ich ihn am besten Sammeln? Und welche Jahreszeit ist die beste, um Nachtkerze zu Sammeln?

wildkräuter am straßenrand

Ein weiterer Vorteil der Nachtkerze als Küchenkraut ist, dass ganzjährig gesammelt werden kann. Sogar im Winter sind die unverholzten Wurzeln jener Pflanzen anzutreffen, die sich in Ihrem ersten Lebensjahr befinden. Die Blütezeit erstreckt sich von Juni bis September, dementsprechend findet man die Samen von Juli bis Oktober. Finden kann man sie an sonnigen, nicht zu feuchten Stellen auf Ruderalfluren, wie Wegränder, Schutthaufen, Baustellen, Brachflächen. Die Blätter (Am Stängel und länger noch als bodennahe Rosette) lassen sich von April bis in den November hinein finden. Die Wurzel der Pflanze i ersten Jahr kann man das gesamte Jahr hindurch Sammeln. Dies ist jedoch nur den Fortgeschrittenen vornehalten, da man die Nachtkerze in diesem Stadium mit dem hochgiftigen Fingerhut verwechseln kann.

Kapitel 6: Mythologisches & Historisches

Woher kommt der Name Nachtkerze? Was haben unsere Vorfahren mit Nachtkerze verbunden, welche Mythen ranken sich um sie? Was gibt es sonst noch interessantes über Nachtkerze zu berichten?

Wie so häufig lässt sich auch bei der Nachtkerze die Geschichte und der Aberglaube vergangener Generationen gut an den sogenannten Trivialnamen zurückverfolgen.

Die „Nachtkerze“ wurde früher tatsächlich als Lichtquelle genutzt, indem man sie in flüssiges Wachs getaucht als Fackel aufstellte. Ein weiterer, in Vergessenheit geratener Name für die Pflanze lautete „Weinkraut“. Er geht zurück auf die Vorstellung der antiken Griechen mit einem Nachtkerzen-versetzten Wein ließe sich ein wildes Tier ruhigstellen. Ob hier nun tatsächlich die Wirkung des Krautes oder doch eher der eigene Weinkonsum zu dieser Annahme führte, sei dahingestellt.

Auch der umgangssprachliche Begriff „Schinkenwurzel“ hat einen historischen Hintergrund. Die Bezeichnung geht zurück auf den fleischähnlichen Eindruck, den die Wurzel beim Anbraten erweckt, da hierbei eine leicht rötliche Färbung entsteht. In schlechten Zeiten wurde gerne zu diesem frei verfügbaren Wildgemüse gegriffen. Zum Vorteil der Stadtbevölkerung wuchs die anspruchslose Nachtkerze selbst auf den Trümmern und Brachlandschaften der Nachkriegszeit. Doch bereits die Ureinwohner Nordamerikas wussten die Wurzel der Nachtkerze als Nahrungsmittel zu schätzen.

Quellen:

Fleischenhauer et. al., Essbare Wildpflanzen. AT Verlag, 2007.

Larbig, Manuel , Mein Wildkräuterguide. Penguin Verlag, 2021.

https://arzneipflanzenlexikon.info/index.php?de_pflanzen=136 (Abgerufen am 14.08.21 um 15:14)

https://www.ema.europa.eu/en/medicines/herbal/oenotherae-biennis-oleum (Abgerufen am 14.08.21 um 18:29)