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Giersch Smoothie
Beifuß

Die aromatische Wiederentdeckung

In diesem Artikel stellen wir das alte Gänsebratengewürz „Beifuß“ vor, das noch so viel mehr kann als fette Gans. Wir zeigen dir die Verwechslungspartnerinnen und Unterscheidungsmerkmale, du lernst, warum Schwangere auf den Verzehr besser verzichten sollten und dass die Germanen ihn früher als natürliches Dopingmittel verwendet haben.

Hinweis: Beifuß enthält Thujon und Campher, welche in höheren Dosen abtreibend (abortiv) wirken können. Daher wird von einer Verwendung durch Schwangere abgeraten. Nicht wenige Menschen sind gegen die Pollen allergisch. Allergiker sollten es meiden, diese Pflanze zu sammeln.

Kapitel 1: Merkmale

Die weißlich bis grauen, zum Teil gelblich-rötlichen Blüten sitzen am Ende der verzweigten und kaum behaarten Stängel und sitzen zu vielen an sogenannten Rispen, bilden also Blütenstände. Die Blüten sehen aus wie knäuelige Kügelchen, so als hätte man sie zu mehreren aneinander geklebt. Der Blütenstand riecht interessant, ist ziemlich aromatisch und erinnert entfernt an Kamille.

Beifuß kann ziemlich hoch werden, bis zu 2,50m und der mit der Zeit immer dunkler werdende Hauptstängel dann auch eine beachtliche dicke erreichen. Weiter oben gehen vom Stängel Seitentriebe ab, die dann jeweils eigene Blütenstände tragen.

Die Blätter des Beifuß sind dunkelgrün , etwas derb und gefiedert. Ein besonderes Erkennungsmerkmal ist die graufilzige Blattunterseite. Je nach Standort und Alter können die Blätter ziemlich unterschiedlich aussehen, wie ihr hier auf dem Bild erkennen könnt.

Kapitel 2: Botanisches

Die Gattung Artemisia ist bei uns mit 17 Arten vertreten, wobei der gewöhnliche Beifuß mit Abstand die häufigste Art ist, gefolgt vom Feld-Beifuß (Artemisia campestris) . Zu dieser Gattung gehören übrigens auch bekannte Arten wie Wermut (Artemisia absinthium) und Estragon (Artemisia dracunculus).

Auch wenn Beifuß und die oben genannten Arten auf den ersten Blick überhaupt nicht so aussehen: sie gehören zur Familie der Korbblütler (Asteraceaen); sind also mit Löwenzahn, Sonnenblume und Gänseblümchen verwandt. Nur mit einer guten Lupe kann man die typischen Röhrenblüten erkennen.

Kapitel 3: Inhaltsstoffe & Verwendbarkeit

Beifuß enthält Bitterstoffe, ist jedoch nicht so aggressiv bitter wie andere Wildkräuter (z.B. Löwenzahn). Das macht den Beifuß zu einem guten Kraut für Menschen, die zwar Bitterstoffe verwenden wollen, sich aber erst einmal langsam an diesen für vielen ungewohnten Geschmack herantasten möchten. Bitterstoffe helfen bei der Verdauung und somit ist es nicht verwunderlich dass Beifuß traditionell dem fettigen Gänsebraten beigelegt wurde. Interessanterweise wirken Bitterstoffe einerseits appetitanregend, gleichzeitig isst man weniger, wenn man bitterstoffreiche Nahrung zu sich nimmt. In unserem Artikel über Bitterstoffe erfährst du mehr über diese interessante Inhaltsstoffgruppe.

Beifuß in der Küche

Kulinarisch kann Beifuß viel mehr als Gänsebraten. Dieses bei uns früher sehr häufig verwendete Würzkraut ist in den letzten Jahrzehnten etwas in Vergessenheit geraten, ist aber gerade wieder im Kommen. Zum Teil findet man ihn wieder auf den Märkten. Durch die leichte Bitterstoffnote und die ätherischen Öle eignet sich Beifuß sowohl für Herzhaftes, als auch für Süßspeisen und Eistee. Folgende Rezepte mit Beifuß können wir euch sehr ans Herz legen:

Beifuß in der Hausapotheke

Beifuß als Tee zubereitet kann durchaus verdauungsfördernd sein, was sich auf die enthaltenen Bitterstoffe zurückführen lässt. Dafür kann man die oberen Stängelabschnitte samt Blüten und Blättern sammeln und mit kochendem Wasser übergießen. Zugedeckt für 15 Min. ziehen lassen. Wem er so zu bitter ist, kann den Tee mit Wasser mischen.

Achtung: wie bereits weiter oben erwähnt, sollten Schwangere auf die Verwendung von Beifuß verzichten. Thujon und Campher haben möglicherweise eine abtreibende Wirkung, da  die Gebärmutter möglicherweise stärker durchblutet wird. Menschen mit einer Beifußallergie, sollten diesen auch nicht sammeln, wobei diesen nur der Pollen gefährlich werden kann.

Heilwirkung von Beifuß

Vielen Wildkräutern werden diverse Heilwirkungen nachgesagt. Uns ist es wichtig zu unterscheiden, ob es sich dabei um Erfahrungswerte handelt (Volksmedizin, Teile der Naturheilkunde etc.) oder ob es dazu Studien nach anerkannten wissenschaftlichen Standards gibt. Hier sind unsere Rechercheergebnisse:

Heilwirkung von Beifuß aus Sicht der Rationalen Phytotherapie (durch Studien belegt)

Kommission E: Dem Beifuß wurde hier eine negativ-Monografie ausgestellt, da die nachgesagten Wirkungen noch nicht nachgewiesen wurden (zum Teil, weil es an Studien mangelt) und eine abortive Wirkung nicht ausgeschlossen werden kann.

Heilwirkung von Beifuß aus Sicht der Volks- / Naturheilkunde (nicht durch Studien belegt)

Für die Volksheilkunde ist der Beifuß ein wahres Wunderkraut und soll vor allem bei Krankheiten und Schmerzen in Verbindung mit dem weiblichen Geschlechtsapparat helfen. Aber auch bei Gelbsucht, bei Fettleibigkeit, Übelkeit, Epilepsie und als Magenstärkendes Mittel wurde und wird es in der Naturheilkunde eingesetzt.

Kapitel 4: Verwechslung & Gefahren

Einsteiger haben zu Beginn etwas Schwierigkeiten, den gemeinen Beifuß zu erkennen. Das liegt zum einen an der scheinbaren Ähnlichkeit mit ein paar weiteren Arten, zum anderen kommt der Beifuß relativ vielgestaltig daher, vor allem was die Blätter angeht.

Andere Beifuß – Arten
Der gemeine Beifuß kann theoretisch mit anderen, heimischen Beifuß-Arten verwechselt werden, diese sind jedoch – vom Feld-Beifuß einmal abgesehen – ziemlich selten. Darunter sind keine bekannten giftigen Arten. Der Feld – Beifuß (Artemisia campestris) ist insgesamt viel feingliedriger und hat schmale, lanzettliche Teilblätter. Der Stängel ist meist rötlich.

Wermut (Artemisia absinthium)

Der ähnlich aussehende, aber viel seltenere Wermut enthält zum Teil sehr hohe Konzentrationen an Thujon (siehe Geschichte des Absinth) , jedoch läuft man wohl kaum Gefahr, sich damit zu vergiften: Wermut ist so abartig bitter, dass man es gar nicht schafft, bedenkliche Mengen zu sich zu nehmen. Wermut hat gelbe Blütenköpfe, die vom Beifuß sind eher gräulich bis rötlich. Wirkt Beifuß eher dunkelgrün, hat der Wermut eine grau – grüne Farbe.

Beifuß – Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia)

Die Beifuß – Ambrosie stammt ursprünglich aus Nordamerika und breitet sich zur Zeit bei uns ziemlich stark aus. Sie rückt regelmäßig in den Mittelpunkt, da sie bei uns mittlerweile zu den stärksten Allergie – Auslösern zählt. Ist sie für Nichtallergiker ungefährlich, können bereits winzige Mengen der Pollen bei Allergikern zu schwerem Heuschnupfen, Atemproblemen und Asthma führen. Auf den ersten Blick sehen die Blätter der Ambrosie denen des Beifußes ähnlich. Dreht man das Blatt jedoch um, erkennt man ein deutliches Unterscheidungsmerkmal: die Blattunterseite der Ambrosie ist grün, die des Beifußes graufilzig.

Gänsefuß-Arten und Melde-Arten

Wer nur auf die weißlichen, rispenartigen Blütenstände schaut, kann die Melde- und Gänsefuß-Arten zunächst für den Beifuß halten. Sieht man sich jedoch die Blätter an, erkennt man sofort den Unterschied: im Gegensatz zum Beifuß sind diese nicht gefiedert. Zudem wäre eine Verwechslung auch nicht schlimm: unsere heimischen Gänsefuß- und Meldearten sind alle essbar .

Eisenhut

Im jungen Stadium und bei Pflanzen ohne Blüten sehen die Blätter des hochgiftigen Eisenhutes auf den ersten Blick dem Beifuß ähnlich. Eisenhut gehört zu den giftigsten Pflanzen Mitteleuropas und wächst natürlicherweise in höheren Lagen. Dieser ist vor allem in den Alpen ziemlich häufig, wird aber überall nicht selten als Garten-Zierpflanze gezogen. Am besten wartet man, bis die beifußtypischen Blüten da sind , außerdem ist Eisenhut auf der Blattunterseite nicht graufilzig.

Kurzcheck "die Richtige"

Alle wichtigen Erkennungsmerkmale des Beifußes zusammengefasst

Kapitel 5: Sammelorte & Sammelzeiträume

In diesem Kapitel wollen wir uns mit der Sammelpraxis beschäftigen. Wo finde ich Beifuß , wo kann ich ihn am besten Sammeln? Und welche Jahreszeit ist die beste, um Beifuß zu Sammeln?

Der gewöhnliche Beifuß ist ziemlich häufig und mag Sonne und leicht feuchte Böden. Besonders häufig wächst er auf Ruderalflächen wie Baustellen, Schotterplätze und Kiesgruben, an Wegrändern auf Wiesen. Der Beifuß blüht von Juni bis Oktober. Sammeln kann man ihn im prinzip von Juni bis November, wobei er gegen Ende des Jahres immer mehr Bitterstoffe einlagert. Vom Beifuß lässt sich leicht ein Vorrat anlegen. Dafür kann man die oberen Stängelabschnitte an einem warmen und dunklen Ort für mehrere Tage trocknen, bis sie beim Brechen bröseln.

Kapitel 6: Mythologisches & Historisches

Woher kommt der Name Beifuß? Was haben unsere Vorfahren mit dem Beifuß verbunden, welche Mythen ranken sich um ihn? Was gibt es sonst noch interessantes über den Beifuß zu berichten?

Über die Mythologie und die Verwendungsgeschichte des Beifußes könnte man ein ganzes Buch schreiben. Wir wollen hier einmal die interessantesten Geschichten auspacken.

Beginnen wir mit den Namen. Artemis war die griechische Göttin der Jagd, des Mondes, des Waldes, der Geburt und zugleich hüterin der Frauen und Kinder. Der Beifuß wurde auch bereits in der Antike als Heilpflanze der Frauen angesehen. Die Herkunft des deutschen namens Beifuß ist nicht ganz geklärt, hier einmal zwei nette Erklärungsversuche: baut ist ein germanisches Wort für „stoßen“, möglich, dass dieses Wort auf die Verwendung als gemörsertes Gewürz / Heilkraut zurückzuführen ist. Die andere, besonders amüsante Theorie: die Germanen glaubten, Beifuß könne einen schneller und ausdauernder Laufen lassen, deshalb band man sich das Kraut an das Bein („Bei – Fuß“), quasi ein natürliches, antikes Dopingmittel. Daneben hat Beifuß noch den Namen Mugwurz , im englischen heißt die Pflanze auch mugwort.  Möglich ist eine Verbindung zum germanscihen Wort „mygg“ – Mücke / Fliege, da das Kraut wohl auch verwendet wurde, um Fliegen aus dem heim zu vertreiben. Das ist nicht völlig undenkbar, es ist bekannt, dass das enthaltene Thujon von vielen Insekten gemieden wird. Zum Beifuß gab es einige besonders kreative Rituale und Aberglauben: schaute man in der Nacht zum Johannistag (Sommersonnenwende) unter die Pflanze, so konnte man ein Stück glühende Kohle finden. Nachdem dieses abgekühlt war, half es gegen vielerlei Krankheiten. Es gibt viele Geschichten um diese Pflanze, die häufig mit der Sommersonnenwende in Verbindung stehen, daher auch der Name Sonnenwendgürtel.

Quellen:

Larbig, Manuel , Mein Wildkräuterguide. Penguin Verlag, 2021.

Genaust, Helmut, Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen, 1996.

Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 1967.

Mannhardt, Wilhelm: Wald und Feldkulte, 1905.

Marzell, Heinrich: ≫Worterbuch der deutschen Pflanzennamen.≪ 1937.

Marzell, Heinrich: Unsere Heilpflanzen, ihre Geschichte und ihre Stellung in der Volkskunde, 1938.

Bartsch, Karl: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg, 1879.